Aktualisierungsdatum
Autor
Eva Katzenberger
Lesedauer
15 Minuten

Das Wichtigste in Kürze

  • Grundprinzip: Ein dynamischer Stromtarif passt den Strompreis stündlich an die tatsächlichen Kosten an der Strombörse an.
  • Größter Vorteil: Sie können Kosten sparen, indem Sie große Stromverbraucher wie E-Autos, Wärmepumpen oder Stromspeicher in Zeiten mit niedrigen Preisen betreiben. Einsparungen im dreistelligen Euro-Bereich pro Jahr sind möglich.
  • Wichtigste Voraussetzung: Für die Nutzung ist ein intelligentes Messsystem, auch Smart Meter genannt, zwingend erforderlich.
  • Ideal für: Besonders lohnenswert ist ein dynamischer Stromtarif für Haushalte mit steuerbaren Verbrauchern und idealerweise einer eigenen Photovoltaikanlage mit Speicher

Warum werden dynamische Stromtarife jetzt relevant?

Die zunehmende Bedeutung dynamischer Tarife ist direkt mit der Energiewende verknüpft. Der Gesetzgeber hat mit §41b des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) den rechtlichen Rahmen geschaffen: Ab 2025 sind alle Stromanbieter verpflichtet, Letztverbrauchern, die über ein intelligentes Messsystem verfügen, einen dynamischen Stromtarif anzubieten. Diese Regelung soll Anreize schaffen, den Stromverbrauch an die schwankende Erzeugung aus erneuerbaren Energien anzupassen. So wird das Stromnetz stabilisiert und der Bedarf an fossilen Kraftwerken zur Abdeckung von Spitzenlasten reduziert.

Was ist ein dynamischer Stromtarif genau?

Im Gegensatz zu herkömmlichen Tarifen mit einem festen Preis pro Kilowattstunde (kWh) gibt ein dynamischer Stromtarif die Preisschwankungen vom Energiemarkt direkt an Sie weiter. Die Preise werden nicht pauschal für Monate festgelegt, sondern ändern sich stündlich. Wenn viel erneuerbare Energie, zum Beispiel durch Wind und Sonne, ins Netz eingespeist wird, sinkt der Börsenstrompreis – und damit auch Ihr Strompreis. In seltenen Fällen kann der Preis sogar negativ werden, was bedeutet, dass Sie für Ihren Stromverbrauch Geld erhalten. Umgekehrt steigt der Preis, wenn die Nachfrage hoch und das Angebot an günstigem Strom knapp ist.


Wie funktioniert ein dynamischer Stromtarif in der Praxis?

Die Preisbildung orientiert sich am sogenannten Spotmarkt der Strombörse, meist der EPEX Spot. Dort werden die Preise für jede Stunde des Folgetages bereits am Vortag festgelegt. Ihr Stromanbieter gibt diese stündlichen Preise (zuzüglich Netzentgelten, Steuern und einer kleinen Marge) direkt an Sie weiter. Über eine App oder ein Online-Portal können Sie jederzeit die aktuellen und zukünftigen Strompreise einsehen. So können Sie Ihren Verbrauch gezielt planen. Ein intelligentes Energiemanagementsystem (EMS) ist hier der entscheidende Faktor: Es kann diesen Prozess vollständig automatisieren und Ihre Geräte immer dann starten, wenn der Strom am günstigsten ist, ohne dass Sie manuell eingreifen müssen.

 

Für wen lohnt sich ein dynamischer Stromtarif wirklich?

Ein dynamischer Stromtarif entfaltet sein volles Potenzial, wenn Sie Ihren Stromverbrauch flexibel gestalten können. Er ist besonders vorteilhaft für Sie, wenn Sie einen oder mehrere der folgenden Großverbraucher besitzen:

 

Elektroauto: Laden Sie Ihr Fahrzeug gezielt in den günstigen Nachtstunden.

Wärmepumpe: Heizen Sie Ihren Wärmespeicher dann auf, wenn die Strompreise niedrig sind.

Stromspeicher: In Kombination mit einer PV-Anlage können Sie Ihren Speicher nicht nur mit Solarstrom, sondern zusätzlich mit günstigem Netzstrom laden.
 

Haushalte mit einem sehr gleichmäßigen und kaum steuerbaren Verbrauch profitieren weniger. Wer jedoch bereit ist, sein Verbrauchsverhalten anzupassen oder durch ein smartes System steuern zu lassen, kann seine Energiekosten deutlich senken.

Die Vorteile und Nachteile im Überblick

Die Entscheidung für einen dynamischen Tarif sollte gut überlegt sein. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Sie können aktiv Geld sparen und fördern die Nutzung erneuerbarer Energien. Gleichzeitig gibt es auch Risiken, die Sie kennen sollten.


Vorteile:

  • Kostenersparnis: Durch die bewusste Nutzung von Niedrigpreisphasen senken Sie Ihre Stromrechnung.
  • Transparenz: Sie sehen jederzeit die aktuellen Preise und haben die volle Kontrolle.
  • Nachhaltigkeit: Sie nutzen Strom dann, wenn er grün und reichlich verfügbar ist, und entlasten so das Stromnetz.
  • Automatisierung: Mit einem Energiemanagementsystem wird die Optimierung vollautomatisch im Hintergrund gesteuert.


Nachteile:

  • Preisrisiko: In Zeiten hoher Nachfrage können die Preise stark ansteigen und über denen eines Festpreistarifs liegen.
  • Flexibilität nötig: Ohne die Möglichkeit, den Verbrauch zu verschieben, ist das Sparpotenzial gering.

Welche Voraussetzungen benötigen Sie für einen dynamischen Tarif?

Um die Vorteile eines dynamischen Stromtarifs nutzen zu können, sind einige technische Voraussetzungen in Ihrem Haushalt notwendig. Die wichtigste Komponente ist das intelligente Messsystem (iMSys), besser bekannt als Smart Meter. Dieses Gerät misst Ihren Stromverbrauch viertelstundengenau und übermittelt die Daten sicher an den Netzbetreiber und Ihren Stromanbieter. Nur so kann Ihr Verbrauch exakt den stündlichen Preisen zugeordnet werden. Ein Energiemanagementsystem ist zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber der entscheidende Schlüssel, um die Ersparnis ohne manuellen Aufwand zu maximieren, indem es die Steuerung Ihrer Verbraucher vollautomatisch übernimmt.


Dynamischer Stromtarif mit PV-Anlage und Speicher: Die perfekte Kombination

Die wahre Stärke eines dynamischen Tarifs zeigt sich in Verbindung mit einer eigenen Photovoltaikanlage und einem Stromspeicher. Diese Kombination macht Sie maximal flexibel und unabhängig. Hier entsteht eine intelligente Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität, auch Sektorenkopplung genannt. Tagsüber nutzen Sie Ihren kostenlosen Solarstrom. Überschüssige Energie wird im Speicher gesichert. Ist der Speicher voll und der Börsenstrompreis niedrig oder sogar negativ, kann das Energiemanagementsystem zusätzlichen, günstigen Strom aus dem Netz beziehen, um den Speicher vollständig zu laden. Diesen Strom nutzen Sie dann in den teuren Abend- und Morgenstunden. So maximieren Sie nicht nur Ihren Eigenverbrauch, sondern optimieren auch den Zukauf von Netzstrom und machen Ihr Energiesystem zu Hause hocheffizient und wirtschaftlich.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wenn Sie Ihren Verbrauch nicht flexibel an die günstigen Stunden anpassen können, ist das Sparpotenzial eines dynamischen Tarifs begrenzt. In diesem Fall könnte ein Tarif mit festen Preisen mehr Planungssicherheit bieten, da Sie nicht von kurzfristigen Preisspitzen an der Börse betroffen sind.

Nein, moderne Anbieter stellen benutzerfreundliche Apps zur Verfügung, die Ihnen die Strompreise für den nächsten Tag übersichtlich anzeigen. Wenn Sie zusätzlich ein Energiemanagementsystem nutzen, läuft die Optimierung Ihres Verbrauchs vollautomatisch im Hintergrund ab, ohne dass Sie sich aktiv darum kümmern müssen.

Achten Sie bei der Wahl des Anbieters auf eine transparente Preisgestaltung ohne versteckte Kosten. Prüfen Sie, wie die stündlichen Börsenpreise an Sie weitergegeben werden und welche monatliche Grundgebühr anfällt. Vergleichen Sie zudem die Nutzerfreundlichkeit der bereitgestellten App oder des Kundenportals.

Ja, in seltenen Fällen können die Strompreise an der Börse negativ werden. Das passiert, wenn ein Überangebot an erneuerbaren Energien auf eine geringe Nachfrage trifft. Verbrauchen Sie in diesen Stunden Strom, erhalten Sie eine Gutschrift auf Ihrer Stromrechnung. Dies ist jedoch eher die Ausnahme als die Regel.

Dynamische Stromtarife beziehen sich auf den Preis für die Energie selbst, der an der Strombörse entsteht. Dynamische Netzentgelte hingegen sind eine zukünftige Komponente des Strompreises, die von der aktuellen Auslastung des lokalen Stromnetzes abhängt. Sie sollen Anreize schaffen, das Netz zu entlasten, sind in Deutschland aber noch nicht flächendeckend eingeführt.
 

Ja, sie gelten als wichtiger Baustein der Energiewende. Sie schaffen Anreize, Strom dann zu verbrauchen, wenn er umweltfreundlich und in großen Mengen erzeugt wird. Dadurch helfen sie, die Stromnetze zu stabilisieren und die Integration von Wind- und Solarenergie zu fördern.